Gemeinsam viel bewegen

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Ein altes Sprichwort weiß: Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm! Und da ist viel Wahres dran. Aber warum? Stimmt etwa tatsächlich der Mythos von der Allmacht guter Gene, wenn die Enkel in die Fußstapfen ihrer sportlichen Großeltern treten? Nicht nur. Entscheidend sind vielmehr die positiven Vorbildfunktionen von Opa und Oma und ganz einfach die mit viel Spaß am Sport verbrachte gemeinsame Zeit.

Von Bettina Keppler

Wir schreiben das Jahr 2032. Die Nationalmannschaft der Hockeydamen hat soeben die Olympischen Spiele gewonnen. Herausragend dabei die Leistungen zweier Schwestern, die dank ihres Geschicks, ihrer Ausdauer und Schnelligkeit das Spiel um Gold praktisch allein entschieden haben. Atemlos, aber strahlend vor Glück stehen sie den Journalisten Rede und Antwort. „Wann und wo habt ihr angefangen, Hockey zu spielen?“, will die Sportreporterin wissen. Aufgeregt folgt die Antwort wie aus einem Mund: „Als Kinder. Im Garten unserer Großeltern.“

SCHIENBEINSCHONER STATT BALLETTSCHÜHCHEN

Heute sind Mara und Lilli elf und neun Jahre alt. Wie andere Mädchen in diesem Alter haben sie viele Träume. Alterstypische Klassiker, wie Prinzessin oder Primaballerina werden, sucht man aber vergebens auf der Liste. Vielmehr wollen sie einmal „Bundesliga spielen“ oder die „Blauen schlagen“, eben jene bedauernswerten Kolleginnen aus dem Konkurrenzverein. Die beiden Schwestern spielen leidenschaftlich gern Hockey. Sie tragen gelbe Mannschaftstrikots, dazu Zöpfchen und Haarspangen, Hockeyschuhe und Schienbeinschoner. Schnell wie die Wiesel sausen sie über das 91,4 m × 55 m große Spielfeld, jagen den kleinen Kunststoffball mit ihren Schlägern gekonnt vor sich her, beherrschen das Schlenzen und Lupfen aus dem Effeff. Zweimal die Woche Training, am Wochenende Turnierspiele. Ein ganz schönes Pensum, aber die beiden Mädchen sind mit Begeisterung dabei! Beide spielen im Sturm: „Da lassen sich supertoll Tore schießen“, sagt Mara. Und ihre jüngere Schwester Lilli ergänzt: „Tore und Turniere sind das Beste beim Hockey.“

SPORTLICHE DNA

Das Talent für diesen technisch anspruchsvollen und rasanten Sport wurde den beiden praktisch in die Wiege gelegt: Ihr Urgroßvater spielte bereits in der österreichischen Nationalmannschaft, ebenso der Großvater. Ihr Onkel ist ein bekannter deutscher Nationalspieler und Olympiateilnehmer, die Mutter ehemalige Bundesliga- und Hessenauswahlspielerin und jetzt Trainerin und sogar die Großmutter spielte aus reinem Spaß am Sport in einer „Elternhockeymannschaft“. Hockey ist die sportliche DNA der Familie. Training und Turniere, Erfolge und Niederlagen haben hier über Generationen hinweg Tradition. Mara und Lilli setzen diese mit Begeisterung fort. Und das freut den Großvater. „Es erfüllt mich mit großem Stolz, dass meine Enkelinnen ebenso ihre Freude am Hockey entdeckt haben“, sagt Opa Günter. Der promovierte Jurist hat als Kind seinen Vater zu dessen Spielen am Wochenende begleitet. „Für uns war Hockey der Mittelpunkt der Familie. Wir waren eine Hockeyfamilie. Jedes Wochenende waren wir bei Wettkämpfen, unsere Freizeit war Hockey und das hat uns natürlich geprägt“, erinnert er sich schmunzelnd. Mit sechs Jahren stand er dann selbst das erste Mal auf dem Feld. „Mein Vater hat mich mitgenommen und hat mir einen Schläger in die Hand gedrückt. Ich habe versucht, das nachzumachen, was er machte.“ Es ist der Anfang einer großen Hockeykarriere und gleichzeitig ganz typisch dafür, wie sportliche Ambitionen buchstäblich weitervererbt werden können.

„Beim Sport spielen die sozialen Einflüsse in den Familien eine große Rolle. Wird eine bestimmte Sportart zu einem wichtigen Familienthema und mit großer Begeisterung gelebt, interessieren sich auch die Kinder und wollen diesen Sport mal ausprobieren. Im besten Fall ist in der Familie für diese Sportart auch Talent vorhanden. Wenn ich also körperlich Top-Voraussetzungen mitbringe und das Ganze auch noch in einer sehr förderlichen Umgebung stattfindet, sozusagen immer wieder unterstützt und genährt wird, dann ist es nicht unwahrscheinlich, dass sich daraus eine leistungssportliche Karriere entwickelt. Beides muss zusammenkommen“, erklärt Dr. Michael Mutz, Professor für Sozialwissenschaften des Sports an der Justus-Liebig-Universität Gießen.

Schnell, trickreich und dem Großvater einen Zacken voraus

SPORTLICHE GROSSELTERN, SPORTLICHE ENKEL?

Der Wissenschaftler untersucht in seinen Forschungen das Phänomen, warum Kinder mal mehr, mal weniger sportlich aktiv sind und welche Rolle dabei das familiäre Umfeld spielt. „Im Grunde beschäftigen wir uns damit, welche Bedingungen in den Familien förderlich sind, damit Kinder ihr Leben sportlich gestalten, oder aber auch, welche Bedingungen dem entgegenstehen“, erläutert er. „Gerade Kinder nehmen ihre Eltern als Vorbilder wahr und schauen sich viel von ihnen ab“, sagt der Experte. „Sportliche Eltern, sportliche Kinder“, lautet deshalb das Fazit und der Titel einer groß angelegten Studie des Sozialwissenschaftlers. Aber auch die Großeltern werden zu wichtigen Rolle Models für die sportlichen Interessen und Aktivitäten ihrer Enkel. „Der direkte positive Einfluss zeigt sich immer dann, wenn Familienangehörige viel sportliche Zeit miteinander verbringen“, sagt Prof. Mutz. So wie bei Mara und Lilli. Waren die beiden bei ihren Großeltern Günter und Christine zu Besuch, wurde der Garten zum Hockeyfeld umfunktioniert. „Anfangs waren die Mädchen nicht so begeistert vom Hockeyspiel. Aber es hat sich dann entsprechend entwickelt, weil wir, wenn die Mädchen bei uns waren, immer mit Freude Hockey gespielt haben. Als sie merkten, dass sie Fortschritte machen, war das der Türöffner. Dann haben sie begonnen, gegeneinander zu spielen, sich dabei miteinander zu vergleichen, und beide, auch die Kleine, wollten immer gewinnen und haben dafür viel geübt. Schlussendlich haben sie angefangen, im Verein zu spielen“, erklärt Opa Günter die Entwicklung seiner beiden Enkelinnen. Die ist inzwischen so erfolgreich fortgeschritten, dass der langjährige Nationalspieler bei den gemeinsamen Hockeyspielen ganz schön aus der Puste kommt. „Die Mädchen sind sehr stolz, wenn sie zeigen können, was sie wieder gelernt haben. Das macht mir dann auch Freude! Allerdings habe ich keine Chance mehr, wenn ich im Garten mit den beiden spiele. Sie sind wesentlich schneller, haben eine sehr viel bessere Kondition. Dann renne ich nur dem Ball hinterher und wenn ich nur von einer Seite des Gartens zur anderen laufe, keuche ich schon“, erzählt der stolze Großvater lachend.

EIN GEWINN FÜR GROSS UND KLEIN

Für ihn steht deshalb vor allem das sportliche Miteinander im Vordergrund. Zum Glück! Denn gemeinsam aktiv sein bringt für beide Generationen viel Positives in Bewegung. Es macht Spaß, fördert die Gesundheit und unterstützt die physische, emotionale, kognitive und soziale Entwicklung der Enkelkinder. Gesellschaftsrelevante Werte wie Respekt und Rücksichtnahme, Toleranz und
Fairness werden in vertrauter Umgebung erfahren und vermittelt. Zudem können Oma und Opa beim gemeinsamen Spiel und Sport für ihre Enkel ein verlässliches
Vorbild in einem unruhigen Alltag sein. Umgekehrt motivieren die Kinder ihre geliebten Großeltern, mal wieder mehr für die eigene Gesundheit zu tun.
Gemeinsamer Sport ist ein Gewinn für beide Generationen. Sie profitieren voneinander und intensivieren gleichzeitig ihre Beziehung zueinander. Für Oma Christine ist das besonders wichtig, zumal sie ein inniges Großelternverhältnis in ihrer eigenen Kindheit entbehren musste. „Mir bedeutet es sehr viel, dass unsere Enkelinnen trotz der 180 Kilometer, die zwischen unseren Wohnorten liegen, in einem innigen Kontakt zu meinem Mann und mir stehen. Ich selbst hatte leider keine Großeltern. Das hat mir immer sehr leidgetan, weil Großeltern doch sehr wichtig sind, indem sie ganz andere Perspektiven in die Familie einbringen und integrativ wirken, also in schwierigen Zeiten einen Ausgleich schaffen können zwischen den Kindern und den Eltern. Und sie können natürlich auch positiv prägen. Ein gutes Beispiel für die Enkel sein, das ist wichtiger als jedes Dozieren“, sagt die 75-Jährige. Sie ist sehr stolz auf die beiden Mädchen, beobachtet und begleitet mit
Wohlwollen, dass sie sich zu zwei starken und selbstbewussten Persönlichkeiten entwickeln, die sehr klar wissen, was sie wollen und was nicht. Neben dem „sportlichen Lebensmittelpunkt“ Hockey versucht sie, die beiden auch für Kunst und Kultur zu begeistern, und freut sich, dass sie mit großem Eifer Klavier, bzw. Gitarre spielen. „Aber“, relativiert sie, „das Hockeyspielen ist doch sehr zentral in unserer Familie. Und es ist fraglich, ob unsere Enkelinnen zum Hockey gekommen wären, wenn wir sie da nicht so motiviert hätten. Denn angefangen haben sie ja bei uns im Garten.“

Eine innige Beziehung zu ihren Enkelinnen ist der Großmutter besonders wichtig

MEIN OPA IST MEIN COACH

Ein Hockeyturnier am Sonntagnachmittag im zeitigen Frühling. Lillis Mannschaft, die von ihrer Mutter trainiert wird, spielt im Lokalderby. Geschwind saust das Kind übers Feld und lupft den Ball ins Tor. Jubel bei der Fangemeinde. Stolz schaut Lilli zu ihren Großeltern. Opa Günter applaudiert voller Freude. „Sie ist wie ihre Schwester sehr ehrgeizig. Viel ehrgeiziger, als ich es war.
Auch entwickeln sie zunehmend mehr Biss. Und ihr Talent ist unübersehbar“, bemerkt er anerkennend. Wohlwissend, dass das Spiel zwar heute ein anderes ist als zu seiner Zeit, hat er dann trotzdem auch noch ein paar Tipps und Tricks an der Hand, die er den Mädchen mitgeben möchte. Denn Feedback gibt es immer. Mit Opas guten Ratschlägen im Gepäck geht die Hockeyreise von Mara und Lilli weiter. Erklärtes Ziel: Bundesliga. Und dann vielleicht Nationalmannschaft und sogar Olympische Spiele? Das wäre nichts Neues in dieser Hockeyfamilie.

 

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